Mariette Lydis (Ronsperger)

Illustratorin, Malerin, Grafikerin, Schriftstellerin, Dichterin, Aquarellistin, Litografin und Portraitistin

Ihr Bezug zu Baden:

1887 geboren in Baden
(1970 gestorben in Buenes Aires, Argentinien)

Illustre Bohemienne

Wie war einer Frau ein derart unkonventionelles Leben in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts möglich?
Als drittes Kind der Kaufmannsfamilie Ronsperger in Baden geboren, konvertierte sie 1910 zum katholischen Glauben und heiratete zunächst den österreichischen Geschäftsmann Julius Koloman Pachhofer-Karny, der kurze Zeit später starb. Bereits als junge Frau unternahm sie zahlreiche Reisen nach Marokko, Russland, Amerika, Ägypten und die Türkei. Sie ehelichte den griechischen Millionär Jean Lydis, ließ sich 1923 wieder scheiden, um dem italienischen Schriftsteller Massimo Bontempelli nach Paris zu folgen, wo sie in den 1930er Jahren große künstlerische Erfolge feierte. Nach farbigen Zeichnungen und Aquarellen wandte sie sich nun Radierungen, Lithographien und Ölbildern zu. 1928 heiratete sie den Kunstverleger Graf Giuseppe Govone.

Selbstbestimmte und schillernde Weltenbummlerin

Mariette Lydis unterhielt neben ihren Männerbeziehungen immer wieder lesbische Freundschaften und lebte ihre Bisexualität offen aus. Sie kehrte als arrivierte Künstlerin zeitweise nach Wien zurück, reiste kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges mit ihrer wohlhabenden Freundin und Verlegerin Erica Marx nach England, von wo sie ein Jahr später ins argentinische Exil ging. Nach 1945 kehrte sie oft nach Europa zurück. 1970 starb sie in Buenos Aires.

Unkonventionelle Frauenmalerin

Mariette Lydis war Illustratorin, Malerin, Grafikerin, Schriftstellerin, Dichterin, Aquarellistin, Litografin und Portraitistin. Die Stilpluralistin trat als 28-Jährige erstmals mit Federzeichnungen und Linolschnitten öffentlich in Erscheinung. Sie illustrierte Bücher wie z.B. den Koran – ein äußerst ungewöhnliches Unterfangen. Mitte der 20er Jahre publizierte sie ihr „Orientalisches Traumbuch“ mit eigenen Texten.
Auffallend ist, dass sie fast ausschließlich Frauen portraitierte, vor allem lesbische Frauen, Prostituierte, Frauen im Gefängnis und in Nervenheilanstalten. Weibliche Erotik und die explizite Darstellung von lesbischer Sexualität standen im Zentrum ihres Werkes.

Die berühmte Vergessene, die vergessene Berühmte

Für das New Yorker Museum of Modern Art wurde sie 1936 als nur eine von drei Frauen für die wegweisende Ausstellung „Modern Painters and Sculptors as Illustrators“ ausgewählt. Ihr bekanntestes Werk, ein Selbstportrait vor einer unsichtbaren Staffelei befindet sich heute in den Uffizien in Florenz.
Dem Jüdischen Museum in Wien ist es zu danken, dass diese außergewöhnliche Frau und Künstlerin der Vergessenheit entrissen wurde. Sie war 2017 mit einigen Werken in der Ausstellung „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis 1938“ vertreten.

von Beate Jorda

Quelle:

  • Christian Maryska: Mon travail est mon refuge. Die Malerin und Buchillustratorin Mariette Lydis – eine Unbekannte. In: Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen bis Metroverlag 2017. Seiten 182-189, 210
  • Foto: Mariette Lydis (1936), Wikimedia commons – Nationaal Archief